Texte aus dem Sack

Mach dich mal locker!

„Stille Nacht, heilige Nacht!“
Die letzte Nacht war weder still noch heilig. Inzwischen ist es später Nachmittag. Noah hockt neben mir auf der Luftmatratze am Boden meiner Einzimmerbude und guckt auf sein Smartphone, auf drei computeranimierte Rentiere mit roten Knubbelnasen.
„Och nee!“ Ich springe auf. Die Luftmatratze lässt Noah hüpfen. Er entfaltet seine schlaksigen Körper in die Höhe, öffnete die Balkontür, tritt hinaus, zündet sich eine Selbstgedrehte an. Der Tag dämmert dahin, als hätte er einen Joint geraucht – der blaue Himmel trägt rosa Wolkeninseln. Ich fiesele den Stecker in die Stromdose. Die Pumpe befördert lautstark die Luft aus der Matratze. Ich gehe in die Küche.

Wenige Minuten später steht Noah im Türrahmen. „Jeannie, du brauchst ein Bett!“ Er presst beide Hände gegen sein Kreuz.
„Nur weil du mich drei Mal im Jahr besuchst?“
Er schüttelt den Kopf. „Ich möchte nicht wissen, was mein Chiropraktiker zu deinem Rücken sagen würde. Und vielleicht …“
Ich falle ihm ins Wort: „Sag es nicht!“ Mein bester Freund aus Studententagen weiß genau, dass ich von Männern genug habe bis in die Steinzeit.
„Okay, gibt es Espresso?“
Ich verziehe das Gesicht.
„Hast du Toast?“
Ich zeige auf die einzige Tüte auf dem Vorratsregal. Er schiebt die Kühlschranktür auf und wieder zu, legt ein Päckchen auf den Tisch. „Ich hab Butter mitgebracht.“
„Butter?“
„Jo, bei dir darf ich ja nur auf dem Balkon rauchen.“
„Du meinst? …“
Er fingert zwei Scheiben Toast aus der Verpackung und steckt sie in den Röster. „Es funktioniert wie Haschkekse, nur ohne Kekse.“
„Wie geht das denn?“
„Du baust Pflanzen an, destillierst sie und arbeitest die Essenz in Butter ein.“
Ich denke an seine WG, den schlauchartigen Abstellraum, die Lampen, den Luftbefeuchter. „Aha.“
„Mach dich mal locker, Jeannie!“
Der Toaster wirft die Brotscheiben auf den Boden. Noah hebt sie auf, schüttelt sie aus, klopft sie mit den Fingern ab, holt ein Messer aus meiner Besteckkiste und schmiert die Toasts mit hellgrüner Paste ein.
„Puh“, sage ich.
„Iss!“, sagt Noah.
Ich beiße eine Ecke ab. „Widerlich!“

Noah recherchiert im Internet nach Futons. Die günstigen sehen aus wie Obstkisten aus dem Supermarkt. In der nächsten Stunde esse ich zwei Butterbrote.
Noah grinst. „So, jetzt gehen wir ein Bett kaufen.“
„Ich bin pleite.“
„Du zahlst in Raten. Ich steuere was bei.“
Ich widerspreche nicht. „Eins vierzig breit. Ohne Kopfteil.“
„Klar, Jeannie!“

Die Stadt ist voll. Im Schaufenster des Kaufhauses liegt ein riesiger Teddybär mit einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf in einem Bett. Aus dem Off klingen Kinderstimmen. Noah singt mit: „Jingle Bells, Jingle Bells.“
„Zwei Tage vor Heiligabend ein Bett kaufen! Du bist bekloppt!“, sage ich.
„Nöl nicht rum.“

Im Kaufhaus drängeln die Menschen, als hätten sie eine feuchte Wohnung. Überall stehen und sitzen Schaufensterpuppen in Nikolaus- und Engelskostümen. Noah kauft Lametta, Zimtsterne und knallbuntes Geschenkpapier. Bis eine betont fröhliche Stimme über Lautsprecher verkündet: „In zehn Minuten schließen wir. Bitte begeben Sie sich zum Ausgang!“
„Zu spät!“, sage ich und lache laut auf.
Wir laufen auf eine Rolltreppe zu. Kurz vor den Stufen zieht Noah mich zurück in die andere Richtung, in eine Umkleidekabine. „Ich wollte schon immer mal in einem Kaufhaus übernachten.“
Ich kichere, mein Körper fühlt sich engelsleicht an und alles hier ist vollkommen logisch. „Au ja!“  
Er legt mir eine Hand auf den Mund. Ich knurre leise. Schritte verebben, unter dem Vorhang zu unseren Füßen wird es dunkel. Wir schleichen in die Süßwarenabteilung, packen Lebkuchen, gebrannte Mandeln und eine Flasche Glühwein in einen Korb.
Noah deutet auf ein Nikolaus/Engelspuppenpaar. „Wollen wir?“
Die Mandel zwischen meinen Backenzähnen knackt. „Nur wenn DU den Engel machst!“
„Wer denn sonst?“ Er lässt Parka, Jeans und Hoodie auf den Boden fallen, zwängt sich in den goldenen Fummel. Seine Boots behält er an. Ich zurre einen breiten Gürtel um die Nikolaushose, die Jacke über dem Pullover lasse ich offen.

In der Möbeletage riecht es nach Leim. Wir streifen durch angedachte Küchen, Wohn- und Badezimmer, landen in einer Schlaflandschaft, hopsen auf ein paar Betten herum, legen uns in ein Ungetüm aus Metall, Vorhängen und Kissen.
Noah öffnet die Glühweinflasche, trinkt einen Mörderschluck. „Und?“
Ich greife nach einem Lebkuchen. „Hier gefällt mir nix.“
„Schade eigentlich.“
„Obwohl …“, sage ich. „Komm mit!“

„Hey du!“, sage ich zu dem Riesenteddy, setze seine Weihnachtsmütze auf und schubse ihn auf den Boden. Noah und ich plumpsen in das Massivholzbett. Den Mund voller Lebkuchen stöhne ich auf. „Das isses!“
„Gut“, sagt Noah und trinkt die Glühweinflasche leer. „Gut, Jeannie.“ Dann schnarcht er weg und ich kuschle mich tief in das mit Tannenzapfen und Äpfeln bedruckte Bettzeug.

Als ich aufwache, scheint die Sonne. Meine Lippen pappen zusammen, ich huste. Noahs behaartes Bein hängt über der Bettkante. Der Saum des Engelskleides ist bis zum Bund seiner Boxershorts hochgerutscht. Die Tannenbäume auf dem Glitzerstoff haben ein Gesicht und lachen Schnee. Vor uns am Schaufenster klebt eine Horde Kindernasen.